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Dr. phil. Andrea Mercedes Riegel Der berühmte Arzt der Mingzeit (1344-1648) Zhang
Jiebin (1563-1640) prägte einmal den Satz: „Wer sich im Yijing (Buch
der Wandlungen) nicht auskennt, braucht sich mit der Medizin erst gar
nicht zu beschäftigen.“ Das Thema Yijing und dessen Bedeutung für die
Medizin und ihre Theorien war ihm so wichtig, dass er ihm gar ein
eigenes Kapitel in seinen gesammelten Werken widmete. Das entsprechende
Kapitel in seinem Werk zur Systematisierung der Inhalte des Huangdi
neijing (Leijing) trägt den Titel „Yi Zur Zeit Zhang Jiebins und bereits früher waren große Diskussionen um das Yijing und seine Bedeutung für die Medizin im Gange. Man hatte begonnen, die Zusammenhänge genau zu analysieren und zu interpretieren und in medizinischen Fragen mitunter auch direkt über das Yijing zu argumentieren. Dies erfolgte in dem Bewusstsein, dass die Theorien der Medizin und damit die des großen medizinischen Grundlagenwerkes Huangdi neijing direkt auf das Yijing zurückgehen und im medizinischen Kontext lediglich weitergeführt und -entwickelt wurden. Woher rührt dieses Bewusstsein?
Es handelt sich beim Yijing also im eigentlichen Sinne um einen Kalender, der daneben auch als Orakelbuch genutzt wurde. Dies auf Grund der Vorstellung, dass alles, was sich am Himmel abzeichnet, symbolisch steht für das, was auf der Erde geschieht. Der Wechsel zwischen Sonne und Mond, zwischen durchzogenen und unterbrochenen Linien, beschreibt letztlich nichts anderes als den regelmäßigen Wandel und die Wechselwirkungen zwischen den Kräften Yin und Yang. So treten die Begriffe Yin und Yang denn auch explizit in den interpretierenden Kommentaren zum Grundtext des Yijing auf. Die Anordnung der den Hexagrammen zu Grunde liegenden Trigrammen erfolgte in Form einer achteckigen Windrose entsprechend den acht Himmelsrichtungen. Ursprünglich gibt es zwei verschiedene Anordnungen der Trigramme innerhalb der Windrose, Hetu („Karte des He-Flusses“) und Luoshu (Schrift des Luo-Flusses“) genannt. Die beiden Anordnungen repräsentieren die vorweltliche Himmelsordnung (Hetu) und die nachweltliche (Luoshu). Sie widersprechen sich nicht, sondern Luoshu ergibt sich aus Hetu durch entsprechenden Platzwechsel (Wandel) der Trigramme des Hetu. Beiden sind bestimmte Zahlenordnungen zugewiesen, die der Legende zufolge den Entdeckern der Anordnungen Fuxi bzw. Yu dem Großen durch einen Drachen überliefert worden sein sollen. Die Anordnung der Trigramme sowie die mit ihnen verbundene Zahlensymbolik fanden direkten Einzug in das Huangdi neijing, d. h. konkret in die Bereiche Diagnostik, Ätiopathologie und Akupunktur. Kap. 77 des Lingshu beschreibt z. B. sehr genau die Zugehörigkeit der Trigramme des Luoshu zu den Himmelsrichtungen und Jahreszeiten und leitet daraus die entsprechenden Winde mit deren pathogener Einwirkung auf bestimmte Organe ab. Diese Grundthese wurde in der Akupunkturlehre später im Großen Kompendium der Akupunktur (Zhenjiu dacheng) erweitertfür die Auswahl bestimmter Punkte (Öffnungspunkte zu den acht Extragefäßen) zu bestimmten Zeiten. Der
Zusammenhang zwischen den Argumentationen der chinesischen Medizin und
den Aussagen des Yijing lässt sich aber auch bereits auf einem
generellen Niveau recht einfach nachvollziehen:
Das bedeutet für den Bereich der Medizin
zunächst: Betrachten wir daneben weitere wichtige
Grundbegriffe und Konzepte der chinesischen Medizin: Aufschlussreich hinsichtlich der Vernetzung von Yijing und chinesischer Medizintheorie ist ein genauerer Blick auf die Hauptleitbahnen. Sie werden nach bestimmten Kriterien benannt, nämlich Organzugehörigkeit, Position an den Extremitäten (außen-Mitte-innen) und Verlaufsrichtung (von proximal nach distal zu ihren Endpunkten an Füßen oder Händen oder von distal an Finger- oder Fußspitzen nach proximal). Es gibt daher folgende Leitbahnen: Die
Motivation dieser Namensgebung ist die Einhaltung der Strichtrias aus
dem Yijing. Um dies zu verstehen, ist noch einmal eine kurze
Konkretisierung der Bedeutungen der Strichsymbolik im Yijing vonnöten:
Für die Leitbahnen lag es also nahe, die Zweierkombinationen Shaoyang, Shaoyin, Taiyang und Taiyin zu komplettieren durch eine dritte Kategorie Jueyin bzw. Yangming. Den Verlauf an den Extremitäten kann man sich wieder als Trigramm vorstellen. Der Verlauf der Yin-Leitbahnen des Fußes nach oben und der Yin-Leitbahnen der Hand nach unten, der Fuß-Yang-Leitbahnen nach unten und der Hand-Yang-Leitbahnen nach oben steht wieder symbolisch für das endlose Auf- und Absteigen von Yin und Yang. Die Trias Himmel, Erde, Mensch oder einfach die Zahl „drei“ begegnet uns auch im Bereich der Diagnostik. Jeder Akupunkturtherapie geht die Pulsdiagnose voraus. Die Pulsdiagnose wie sie im Huangdi neijing Kap. 20 beschrieben ist, wurde ursprünglich an drei verschiedenen Körperregionen durchgeführt, dort an jeweils drei verschiedenen Stellen, die als Himmel, Erde, Mensch bezeichnet wurden. Das bedeutet, es gab dreimal drei, also neun Stellen der Pulsdiagnose. Seit Wang Shuhe (3. Jh. n.Ch.), dem Autor des Pulsklassikers Maijing, wird die Pulsdiagnose am Radialispuls durchgeführt. Die drei Pulstaststellen am rechten und linken Handgelenk symbolisieren dabei die Innenorgane, die Pulsdiagnose wird auf drei verschiedenen Ebenen, oberflächlich (Himmel), in einer tiefen Schicht (Erde) und auf mittlerer Ebene (Mensch) durchgeführt. Man sieht, die Grundtheorien des Yijing und seine Zahlensymbolik begegnen uns überall und in allen Bereichen der chinesischen Medizin. |
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